Quäker – Andacht

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“, sagt der Herr, „da bin ich mitten unter ihnen“  (Matthäus 18,20)  Mit diesen Worten sind wir eingeladen, nicht nur miteinander, sondern dadurch auch im Göttlichen zusammenzukommen.

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Wir Quäker verzichten auf den feierlichen Rahmen der Kirche, auf Predigt und Musik, wir kommen in irgendeinem Raum zusammen, wie es sich gerade fügt. Ist das nicht sehr bescheiden? – Es sieht wohl so aus, aber in Wirklichkeit stimmt das nicht, denn wir erheben den größten Anspruch, den Menschen erheben können: Wir möchten in unserer Andacht wirklich Gottes Stimme vernehmen, und zwar so deutlich, dass wir das, was uns gesagt wurde, weitersagen können. Das ist etwas ganz Großes.    (Grete Stumpf , DER QUÄKER Januar 1938)

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Zum ersten Mal in einer Quäkerandacht?

Herzlich willkommen!

Setze dich still in den Kreis, sobald du bereit bist. Es ist gut, wenn die Versammlung schon einige Minuten vor dem festgesetzten Beginn der Andacht zur Ruhe kommt. Du kannst Platz nehmen, wo du möchtest.

Eine Quäkerandacht gründet sich auf Schweigen. Es ist ein lebendiges Schweigen der Erwartung. Es kann sein, dass viele Minuten, vielleicht sogar die ganze Stunde lang, alle still sind. Das bedeutet nicht, dass nichts geschieht. Wir alle versuchen einander und Gott näher zu kommen, während die Stille der Versammlung auf uns wirkt.

Vielleicht fällt es dir schwer, dich in der Stille zu entspannen und so an dem Geist der Versammlung teilzunehmen. Es kann auch sein, dass dich das ungewohnte, gemeinsame Schweigen, oder äußere Ablenkungen, oder die eigenen wandernden Gedanken stören. Mache dir darüber keine Sorgen, sondern versuche immer wieder, zum ruhenden Kern deines Selbst zu finden, wo die göttliche Gegenwart gewahr werden kannst. Versuche in Körper, Geist und Seele still zu werden.

Fast jeder Mensch möchte zu einem Zeitpunkt seines Lebens das göttliche selbst entdecken, selbst diejenigen, die es fast unmöglich finden, an seine Existenz zu glauben. Was auch immer deine Gedanken bewegt, Du kannst es mit in den schweigenden Raum hinein bringen.

Wenn Du dich innerlich gedrängt fühlst etwas zu sagen, was aus der Stille zu dir kam und du es mit den anderen Anwesenden teilen musst, kannst du aus dem Schweigen heraus sprechen. Dadurch wird das Schweigen nur vorübergehend unterbrochen, meistens bereichert – aber nicht aufgehoben.

Nehme das Gesagte wohlwollend auf und lasse es in dir sinken.

In der Stille einer Quäkerandacht können sich diejenigen, die an ihr teilnehmen, einer tiefen und mächtigen Erfahrung der Liebe und Wahrheit bewusst werden, die weit über das normale Maß hinausreicht. Vereint in Liebe und gestärkt durch Wahrheit können die Besucher einer Andacht trotz unterschiedlichster Ausgangspunkte eine neue Lebenserfahrung finden.

Die Andacht ist beendet, wenn die Ältesten einander die Hand geben. Fühle dich danach frei, mit anderen ins Gespräch zu kommen.

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Die Andacht ist Mitte und Ausgangspunkt für das religiöse Leben in der Religiösen Gesellschaft der Freunde. In der Andacht versammeln sich die Freunde im gemeinsamen schweigenden Warten auf die Verbindung mit dem Göttlichen und versuchen, sich dem Geist der Liebe und Wahrheit zu öffnen. Eine Andacht kann ganz im Schweigen verlaufen. Diejenigen, die sich in der Stille dazu gerufen fühlen, können ihre inneren Erfahrungen mit anderen teilen. Obwohl durch den Austausch von Gedanken oft ein Thema während der Andacht entsteht, sollten die Beiträge nicht den Charakter einer Diskussion annehmen. Zwischen den einzelnen Beiträgen sind Zeiten der Stille wünschenswert, in denen die gesprochenen Worte nachklingen können. Die Stille zwischen den Beiträgen fördert Einsicht und Nachempfinden des Gesagten. So wächst gegenseitiges Verständnis.

Aus besonderen Anlässen können Andachten gehalten werden. Hierbei ist, zum Beispiel, an folgende Möglichkeiten gedacht: Mitgliedern wird nahegelegt, ihre Kinder bald nach der Geburt in eine Andachtsversammlung mitzubringen, damit sie in die Gemeinschaft und die Verantwortung der Freunde aufgenommen werden. Wenn ein Paar eine Lebensgemeinschaft eingehen will, kann in einer Andacht ein gegenseitiges Versprechen für den gemeinsamen Weg vor der Versammlung bekundet werden. Wortlaut und Inhalt des Versprechens werden üblicherweise in einer Urkunde vorbereitet und in der Andacht von den beiden die Lebensgemeinschaft Schließenden und allen zur Andacht Versammelten unterschrieben. Anlässlich des Todes eines Mitglieds gedenken die Freunde in einer Andacht des oder der Verstorbenen. Eine Urnenbeisetzung kann auf Wunsch auf dem Quäkerfriedhof in Bad Pyrmont stattfinden (siehe Friedhofsordnung). Es ist Sache derjenigen, die sich mit der Vorbereitung solcher Andachten befassen, den Ablauf sowie die eventuell erforderlichen Texte gemeinsam mit den unmittelbar Betroffenen zu bedenken und festzulegen. (Ordnung des Zusammenlebens der RGdF, Deutsche Jahresversammlung 2012)

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Eine Quäkerandacht findet statt, wenn zwei oder mehr Menschen das Bedürfnis empfinden, miteinander still zu sein und Gottes Gegenwart zu suchen. Das kann irgendwo und irgendwann vorkommen, aber die Freunde benützen in der Regel nur dann den Begriff “Meeting for Worship”, wenn es sich um das regelmäßige Treffen an einem festgelegten Ort handelt.

In der Andacht ist die Sitzordnung in der Regel kreisförmig oder viereckig, damit sich die Teilnehmer gegenseitig bewusst wahrnehmen können und spüren, dass sie miteinander in der Andacht verbunden sind. Die Anwesenden kommen zur Ruhe und in der gemeinsamen Suche nach Gottes Willen öffnen sie sich für einander. Dies kann rasch erfolgen oder einen größeren Teil der Andacht beanspruchen, die gewöhnlich eine Stunde dauert.

Die Stille einer Quäkerandacht unterscheidet sich von der Erfahrung einer traditionellen Einzelmeditation, die üblicherweise tief im Innern als hingebungsvolle Übung für die eigene spirituelle Entwicklung stattfindet. Das Hinhören und Warten ist eine gemeinsame Erfahrung in der Suche der Teilnehmer nach einer Begegnung mit Gott.
Die Freunde können ihre Andacht völlig wortlos abhalten, aber meistens gibt es einige kurze gesprochene Beiträge. Dieser “geistliche Beitrag” (Ministry) soll für alle ausdrücken, was schon in der Stille gegenwärtig ist. Jeder Teilnehmer kann sich zum Sprechen berufen fühlen, ein Mann, eine Frau oder ein Kind, ein Freund oder eine Person, die zum ersten Mal dabei ist.
Ohne auf Einzelheiten des Wortlautes zu achten, versuchen Freunde die Botschaften positiv aufzunehmen und die darin enthaltene Wahrheit zu suchen. (Hans Weening FWCC/EMES 2003, „Begegnung im Geist“) 

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In der Andacht haben wir unsere Nachbarn zur Rechten und zur Linken,  vor und hinter uns, aber die Ewige Gegenwart ist über und in allen.  Andacht bedeutet nicht, sich geistig von seinen Gefährten zu isolieren und zu sammeln; sondern in der Tiefe gemeinsamer Verehrung ist es, wo wir unser getrenntes Leben in einem Leben zusammengefasst finden, in dem wir leben, uns bewegen und unser Dasein haben.  (Thomas R. Kelly, 1938, Quäker Glaube & Wirken 2.36) 

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Andachtsteilnehmer sind wie Speichen eines Rades. Je näher sie dem Zentrum allen Lebens kommen, desto näher stehen sie beieinander. Haben sie das Zentrum erreicht, so werden sie durch die kreative Liebe Gottes in einem einzigen Leben vereint. (Howard H. Brinton, 1931, Quäker Glaube & Wirken 21.35) 

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Wahre Andacht kann jederzeit erfahren werden; allein auf einem Berg oder im geschäftigen Alltagsleben können wir Gott finden – wo immer wir leben und uns bewegen und unser Dasein haben. Aber diese individuelle Erfahrung reicht nicht aus.  In einer Andachtsversammlung, die in Seinem Geist gehalten wird, gibt es unter den Mitgliedern ein Geben und Nehmen, ein Einanderhelfen mit und ohne Worte.  So mag sich eine Vision erweitern und eine Erfahrung vertiefen. (Revision Committee 1925, 1994, Quäker Glaube & Wirken 2.11) 

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Die frühen Freunde entdeckten, dass Stille eine der besten Vorbereitungen für eine Zwiesprache [mit Gott] und für die Annahme von Inspiration und Führung ist. Sicherlich besitzt Stille an sich nichts Magisches. Es kann sich um reine Leere handeln, das Fehlen von Worten oder Geräuschen oder Musik. – Aber sie kann auch eine intensive Pause, ein belebtes kreatives Schweigen, ein tatsächlicher Moment der gemeinsamen und wechselseitigen Übereinstimmung mit Gott sein. (Rufus Jones 1937, Quäker Glaube & Wirken 2.16)

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Andacht ist eine Möglichkeit, den trivialen Gedanken des täglichen Lebens zu entrinnen und Antworten von sich selbst oder von Gott zu erhalten. Manche Menschen fürchten sich vor der Stille. Ohne Lärm, der uns ein Gefühl der Sicherheit gibt und Gedanken blockiert, die wir lieber nicht haben wollen, sind wir verletzbar und stellen fest, dass es Zeit ist, über uns selbst nachzudenken. Wir können uns nie vor Gott verstecken, doch ist es leicht, die Wirkung, die Er auf unser Leben ausübt, für gering zu halten – es sei denn in der Stille, in der Er gehört werden kann. – Fühle dich nicht von der Stille gehemmt, sie ist da, um dich vom Druck des Lebens zu befreien. Keiner urteilt über deine Bewegungen, deine Gedanken … du bist frei, Gott auf deine eigene Art anzubeten. Schätze die Möglichkeit zu denken, ohne von der Welt geleitet zu werden.  (…) Kein Augenblick der Stille ist Zeitverschwendung. (Rachel Needham 1987, Quäker Glaube & Wirken 2.17)

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Andacht ist im Wesentlichen ein Akt der Anbetung, Anbetung des einen wahren Gottes, in dem wir leben, uns bewegen und unser Dasein haben. Wir vergessen unsere kleinen Egos, unsere kleinlichen Ambitionen, unsere mickrigen Triumphe, unsere törichten Sorgen und beunruhigenden Ängste und streben der Schönheit und Majestät Gottes zu. Das religiöse Leben ist kein stumpfsinniges, verbissenes Steuern auf moralische Tugenden hin, sondern eine Antwort auf eine Vision von Größe. (Thomas F. Green 1952, Quäker Glaube & Wirken 2.07) 

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Literatur Quäker – Glaube und Wirken (2010)
468 Seiten, ISBN 978-3-929696-44-8 (das Handbuch der Quäker, übersetzt aus dem Englischen)   € 18  hier bestellen